Indien, heilendes Ayurveda (360° – GEO Reportage)



Indien, seit Jahrtausenden
vertrauen hier die Menschen
der Heilkraft spiritueller Riten,
aber auch
der ayurvedischen Medizin.
ruhige Instrumentalmusik
Ayur und Veda bedeutet “die
Wissenschaft vom langen Leben”.
Indische Heilerfamilien,
die Vaidyas, geben das Wissen
seit Jahrhunderten
an Generationen weiter.
Mit dem Aussterben der Tradition
ist das Wissen in Gefahr.
Die Banaras Hindu University
in Varanasi bildet heute
ganzheitlich geschulte
Ayurveda-Ärzte aus.
Sie verknüpfen die Schulmedizin,
mit dem uralten indischen
Heilwissen der Vaidyas.
Ayurveda ist ein anerkanntes
medizinisches Fachgebiet in Indien.
Rund 250 Universitäten verfügen
über Ayurveda-Abteilungen.
Assistenzarzt Amrit Godbole
sucht Patienten
mit Arthritis,
der chronischen Gelenkentzündung.
Für seine Doktorarbeit
sollen sie die Wirkung
alter ayurvedischer Rezepte
testen.
Montagmorgen – Sprechstunde im
Universitätsklinikum von Varanasi.
Aruna Devi leidet seit der Geburt
ihres Sohnes Ashit
an rheumatischer Arthritis.
Ich grüße Sie.
Welche Beschwerden haben Sie?
Morgens sind meine Gelenke
so steif und schmerzen so sehr,
dass ich es kaum ertrage.
Legen Sie mal Ihre Hand hierher.
Wie lange haben Sie Arthritis?
Seit 25 Jahren.
Immer wenn die Schmerzen kamen,
bin ich zum Arzt gegangen.
Ich habe viele Medikamente
und Schmerzmittel bekommen.
Einmal wurde Wasser entnommen.
Und dann ging es Ihnen besser?
Nur solange ich die Medikamente
genommen habe.
Aruna Devi ist 55 Jahre alt.
Die starken Gelenkschmerzen
haben ihr den Appetit genommen.
Die Hausfrau aus Varanasi
ist auf 43kg abgemagert.
Was hat bei ihr die
rheumatische Arthritis verursacht?
Die moderne Medizin kennt darauf
keine eindeutige Antwort.
In alten vedischen Texten
sind Viren, Bakterien
sowie Pilzinfektionen
als Auslöser genannt.
Ich hatte einen Kaiserschnitt und
dabei wurde ein Katheter gesetzt.
Dieser Katheder war nicht
richtig desinfiziert.
Dadurch bekam ich eine Infektion
in meinen Nieren.
Rheumatoide Arthritis
ist eine Autoimmunerkrankung.
Das Immunsystem greift
die körpereigenen Zellen an.
Daher ist es wichtig,
das Immunsystem bei rheumatischer
Arthritis zu regulieren.
Aruna wird in den kommenden
zwei Wochen
auf der Ayurveda-Station
des Uniklinikums behandelt.
Betreut wird sie
von Assistenzarzt Amrit
sowie dessen Doktorvater
Kumar Shrivastava.
Der Oberarzt sieht für Aruna
eine Darm- und Zellreinigung vor.
Sie ist die Voraussetzung,
dass die Entzündung abheilen
und die Medizin greifen kann.
Die Reinigung des gesamten Körpers,
das bedeutet,

innerlich und äußerlich
sämtliche Abfallprodukte

aus dem Körper auszuleiten,
um Stoffwechselgifte und chemische

Rückstände zu beseitigen.
Toxische Stoffe entstehen
gemäß Ayurveda dann,
wenn die drei biophysiologischen
Kräfte des Körpers,
die Doshas,
aus dem Gleichgewicht geraten.
Die Folge: Giftstoffe
lagern sich im Körper ab.
Sie gelten als Ursache
zahlreicher Krankheiten.
Die drei Doshas

sind Vatha, Pitta und Kapha.
Sie bilden die Säulen

der physiologischen Regulation
sämtlicher Körperfunktionen.
Ein Ungleichgewicht

zwischen Vatha, Pitta und Kapha
führt zu zahlreichen Erkrankungen.
Die Textbücher sind voll davon.
Dieses Ungleichgewicht

beginnt im Magen-Darm-Trakt.
Im staatlichen Krankenhaus
von Varanasi
kostet eine Wochenbehandlung
500 Rupien,
umgerechnet sechs Euro.
Für Medikamente, Bettwäsche
und Essen sorgen die Angehörigen.
Die Gänge des Krankenhauses
dienen ihnen als Unterkunft.
Viele Besucher sind
hunderte Kilometer angereist.
Unweit der Uniklinik:
Im ayurvedischen Forschungsgarten
ist Amrit mit dem Studienkollegen
Vinay Verma verabredet.
Vinay ist auf ayurvedische
Pflanzenkunde spezialisiert.
Amrit braucht seinen Rat
bei der Suche nach Heilkräutern
für seine Arthritis-Patienten.
Das ist Shatavari.
Es hat kleine feine Nadeln
und wird als generelles

Gesundheitstonikum eingesetzt.
Die nächste Pflanze ist Parijat.
Sie wirkt sehr gut

gegen Ischias-Schmerzen.
Was ist das für eine Pflanze
mit den großen Blättern?
Das ist Muchukund.
Es hilft gut

bei Menstruationsbeschwerden
und chronischen Schmerzen.
Welche Medizin kann ich
bei rheumatischer Arthritis geben?
Heilpflanzen wie Hahidra,
Curcuma longa und Nirgundi.
Kennst du Guduchi?
Das ist ein sehr guter

Immunstabilisator.
Wir setzen Guduchi

auch als Antibiotikum ein.
Guduchi könnte Arunas defektes
Immunsystem ins Lot bringen.
Amrit muss noch eine Pflanze
finden, die die Heilung
entzündeter Gelenke unterstützt.
sphärische Instrumentalmusik
Varanasi vor Sonnenaufgang.
Die Ufer der heiligen Stadt
säumen mehr als 100 Ghats.
Von diesen mit Tempeln
und Palästen gerahmten Plätzen
führen Steinstufen
die Gläubigen zum Ganges.
Priester begrüßen den Tag
mit einer feierlichen Andacht.
Glockenklingeln
rhythmische Flötenmusik
Varanasi liegt
am Ostufer des Ganges.
Die Gläubigen verehren den Fluss.
Mutter Ganga sorgt für Gesundheit,
Wohlstand und Erlösung.
Die heiligste Stadt der Hindus
gilt als Heimat von Shiva,
dem Gott der Zerstörung
und des Neuanfangs.
Der Mythologie zufolge bändigte
Shiva die Flussgöttin Ganga,
indem er sie durch seine Haarpracht
herab zu den Gipfeln
des Himalaya leitete,
hinein in die indische Ebene,
wodurch das Land fruchtbar wurde.
lautes Hupen
Arzt war für Amrit
schon immer ein Traumberuf.
Das Ayurveda-Studium allerdings
zunächst eine Notlösung.
Von Kindesbeinen erleben wir,
dass Ärzte ein
göttergleiches Image haben.
Das ging mir auch so.
Also hab ich die Aufnahmeprüfung
zum Medizinstudium versucht.
Zweimal war ich nah dran,
hab aber nicht bestanden.
Danach habe ich mir gedacht,
ich probier’s mit Ayurveda.
Die Entscheidung für Ayurveda hat
Amrit bisher keine Sekunde bereut.
Im Grundstudium hatte er dieselben
Fächer wie die Schulmediziner.
Wir müssen alle Aspekte
der modernen Medizin lernen,
die Parameter
zur Krankheitserkennung
und die modernen
technischen Geräte.
Das müssen wir
laut Lehrplan studieren.
Im Frauentrakt
der Ayurveda-Station.
Aruna erhält ihre
erste Vorbehandlung,
Svedana genannt.
Dazu wird die Lichtkammer
auf 50 Grad Celsius erhitzt.
Die Wärme soll die
Selbstheilungskräfte aktivieren,
ein Jahrhunderte altes Prinzip.
Dies ist eine Alternative zur

ursprünglichen Hitzebehandlung.
Früher machte man ein Feuer

im rechteckigen Format
und führte den Patienten

in die Mitte.
Das Feuer hat heiße Luft

ohne Feuchtigkeit erzeugt.
Diese Feuerbehandlung

haben wir modernisiert.
Doch auch hier

erzeugen wir trockene Hitze,
die den Patienten umgibt.
Nach der Wärmebehandlung

wird seine Körpertemperatur
um zwei Grad höher sein.
Das reinigt die Blutgefäße,
schmiert die Gelenke

und erhöht die Flexibilität.
Die Feuerbehandlung
wurde in Indien einst
von ayurvedischen Heilern
entwickelt.
Ihre Wirkung ist in alten vedischen
Schriften genau beschrieben.
sanfte Flötenmusik
Doch die muslimischen Mogule
und später
die britischen Kolonialherren
haben den Indern die ayurvedische
Medizin unter Strafe verboten.
Für sie war es nur Aberglaube.
Einigen Vaidyas,
wie die traditionellen
Ayurveda-Ärzte heißen,
ist es jedoch gelungen,
die Sanskrit-Texte zu verstecken
und die Heilertradition
zu bewahren.
Zu ihnen zählen auch die Vaidyas
aus dem Clan der Rajus.
Ayurveda hat arg gelitten.
Aufgrund der Kolonialisierung
und anderer Einflüsse.
Dadurch ging das
umfassende Wissen verloren.
Mein Großvater erzählte mir,
er musste immer vorsichtig sein,
wenn er bei jemandem
den Puls gelesen hat.
Das ging nur heimlich frühmorgens.
Wurde man beim Pulslesen erwischt,
wurden einem die Finger abgehackt.
Oh ja, so viel Grausamkeit
gab es damals.
Es gehört zur Familientradition
der Rajus,
in den zentralindischen Bergwäldern
der Deeka-Ebene
Heilkräuter
für Medizin zu sammeln.
Da ist ein heiliger See,
an dem die Familie den kürzlich
gestorbenen Vater ehrt.
Dr. J. R. Raju
ist jetzt das Familienoberhaupt.
Wie hieß Ihr Vater?
-Acchita Rao.
Stellen Sie das Reisbällchen
dort ab.
Steht das für meinen Vater?
Ja. Heißen Sie ihn willkommen.
Jetzt liegt es an Dr. Raju,
die Familientradition zu bewahren
und an die folgende Generation
weiterzugeben.
Im Norden von Hyderabad,
der Heimatstadt der Rajus.
Die Familie macht Field Camps,
um kostenlos die Landbevölkerung
zu behandeln,
die sich einen Arztbesuch
nicht leisten kann.
Bis zum Ende des 2. Weltkrieges
war Pflanzenheilkunde in Indien
weit verbreitet.
Danach setzten sich die schneller
wirkenden Pharmazeutika durch.
Aditya Raju und seine Schwester
Pavani zeigen den Hausfrauen,
wie sie ayurvedische Medikamente
herstellen können.
Die Behandlungen sind heute
die gleichen wie vor Jahrtausenden.
Wir zerstoßen hier

Eukalyptusblätter zu einer Paste,
die dann in heißem Kokosöl

erhitzt wird.
Das Kräuteröl hilft bei Kopfweh,

Gelenkschmerzen und Hautproblemen.
Es war einmal

ein sehr bekanntes Hausmittel.
Dr. Raju ist als einer
der erfahrensten Vaidyas bekannt,
nicht nur in Indien.
Seit 20 Jahren schult er Mediziner
in ganz Europa und den USA.
Dort wird
die ayurvedische Heilkunde
als Ergänzung zur Schulmedizin
von immer mehr Ärzten geschätzt
und in Kliniken angewandt.
Pulsschwingungen können Krankheiten
und deren Ursachen verraten.
Dr. Raju diagnostiziert chronische
Erkrankungen ebenso wie akute.
Dieser Patient bekam über Nacht
Schwierigkeiten beim Sprechen.
Seitdem hütet er das Bett.
Darf ich das Haus verlassen?
Ja, aber zieh dir einen Schal an.
So, und jetzt öffne mal den Knopf.
Dr. Raju stellt bei dem Mann
stark erhöhten Blutdruck fest.
Hast du Schmerzen in den Fingern?
Das fühlt sich nach einem

Epilepsie- oder Schlaganfall an.
Deshalb das Sprachproblem?
Ja, du musst dringend zum Arzt

und Medikamente nehmen.
Für die Pulsdiagnose
setzt Dr. Raju drei Finger ein.
Jeder Finger analysiert spezifische
Schwingungen des Pulses.
Wenn du im Zeigefinger
einen starken Puls fühlst,
dann verweist das auf Probleme
mit dem Blutdruck,
dem Nervensystem und dem Schlaf.
Und wenn du etwas
im Mittelfinger spürst,
dann zeigt dir das Probleme
bei der Verdauung
und beim Stoffwechsel an.
Der Ringfinger
analysiert die Organe,
erspürt Krämpfe
und Probleme des Immunsystems.
Die Patienten
erhalten die Medikamente
und Einnahmehinweise kostenlos.
Das ist Gudanagar Kalp,

dreimal am Tag eine Prise.
Bei der Medizin handelt es sich
um Hausmittel wie Dhatu,
das den Stoffwechsel
ankurbeln soll,
und Gudanagar – ein Heilmittel
für Hauterkrankungen.
Wenn Patienten nicht
zu dir kommen können,
musst du zu ihnen gehen.
Wenn du nicht hilfst, erfährt
dein Karma keine Erfüllung.
Du hast für die Kranken
da zu sein.
Das Kokosöl ist inzwischen erhitzt
und die Eukalyptusblätter
sind zu einer Paste zerrieben.
Jetzt wird beides noch
miteinander vermischt.
Zischen
Nach dem Abkühlen
wird das Kräuteröl in ausgediente
Wasserflaschen gefüllt.
Stellt ihr noch Kräuteröle

zuhause her?
Nein, nicht mehr.
Dann könnt ihr nur Gemüse kochen?
Ja, Gemüse und Reis.
Wenn ihr

einen viertel Liter herstellt,
reicht es für die ganze Familie.
Geht auch was anderes?
Kokosnüsse gehen auch.
Die Kokosnuss ist sehr wertvoll.
Wir Vaidyas nutzen sie

für fast alles.
In den Vedika heißen sie daher

Shri-Fallam:
das wertvollste Gemüse.
Shri bedeutet,

als ob man bei Gott ist.
ruhige Instrumentalmusik
Zurück in Varanasi,
in der Ayurveda-Abteilung
des Uniklinikums.
Aruna hat drei Tage lang
eine Wärmebehandlungen erhalten.
Langsam kann sie ihre Gelenke
wieder bewegen.
Auch ihr Appetit kommt zurück.
Schwere Sachen kann ich
noch nicht heben,
und wenn Deckel zu fest sind,
krieg ich sie auch nicht auf.
Ich will wieder
kräftiger werden,…
damit ich wieder hübsch aussehe.
Die Morgenvisite.
Wie geht’s?

-Sehr gut.
Ihre Hände sind ja schon
viel besser als vorher.
Ja, viel besser.
Ganz leicht massieren, ja?
-Ja, das mach ich.
Setzen Sie sich.
Ich untersuche Ihre Füße.
In Ordnung.
Hier ist es noch etwas geschwollen.
Sie essen kein Salz, oder?
Nein, ich esse kein Salz.
Um die Entzündung einzudämmen,
soll Aruna
eine Gelenkmassage erhalten.
Dazu wird Salz mit Sand vermischt
und erhitzt.
Die Anmeldung des Krankenhauses.
Der 50-jährige Vijay Gupta leidet
seit elf Jahren an Diabetes Typ 2.
Immer wieder versucht er, einen
Bogen um Süßigkeiten zu machen.
Ohne Erfolg.
Jetzt hofft Vijay, dass ihm
die Ayurveda-Ärzte helfen können.
Ich hab schon immer

gern Süßes gegessen.
Selbst mit Einnahme der Medikamente

habe ich damit nicht aufgehört.
Na ja, da kann die Medizin

auch nicht wirken.
Inzwischen hat
der Verwaltungsangestellte
mit vielen körperlichen
Beeinträchtigungen zu kämpfen.
Meine Sehkraft

ist schlechter geworden.
Ich trage nun eine Brille.
Und im Magen

entsteht immer viel Gas –
alles Nebenwirkungen

der modernen Medizin.
Mein Erinnerungsvermögen

ist auch schlecht geworden,
ich vergesse wirklich viel.
So viele Ärzte hab ich besucht.
Ich hab genug

von der modernen Medizin,
ich will zu Ayurveda wechseln.
Vijay hat gelesen, Ayurveda könne
Altersdiabetes, Diabetes Typ 2,
mithilfe einer
Virechana-Behandlung heilen.
Amrit macht seinem
neuen Patienten Mut.
Unter den fünf ayurvedischen
Reinigungsritualen
ist Virechana
besonders wirkungsvoll.
Es leitet
sämtliche Stoffwechselgifte,
die sich im Körper
angesammelt haben, aus.
So kann das im Körper
ausgeschüttete Insulin
wieder besser wirken.
Ursache für die Insulin-Resistenz
sind Fettmoleküle
an der Zellenpforte,
die eine Insulinaufnahme
blockieren.
Bei Vijay wird als Erstes
der Blutzuckerspiegel bestimmt.
Trotz zahlreicher Medikamente
ist sein Spiegel bedenklich hoch.
Ihr Wert beträgt 270.
270? OK.
Inzwischen ist das Gemisch aus
Sand und Salz auf 40 Grad erhitzt.
Die Wärme soll Arunas
Blutzirkulation aktivieren.
Das Salz soll eingelagertes Wasser
aus den Gelenken ziehen.
Sind die Stempel warm genug?
Ja, das passt!
Behandeln Sie die geschwollenen
Gelenke ganz vorsichtig,
nur leicht drücken. In Ordnung?
Tantchen?
Ja?
Ist etwas unangenehm?

-Nein.
Falls etwas ist,

geben Sie Bescheid.
Ja, ich melde mich,
wenn etwas weh tut.
Vijay wird von seiner Frau
und Tochter betreut.
Die Familie ist aus
dem Bundesstaat Bihar angereist.
Vijays Krankenhausaufenthalt
beginnt mit einer Darmentleerung.
Auf Anraten der Ärzte
hat er bereits zuhause
über mehrere Tage hinweg
flüssiges Ghee getrunken.
Ghee ist ein von Eiweißen
gereinigtes Butterfett.
Es gilt als wertvolles
Reinigungsmittel für die Zellen.
Der wichtigste Grund
für die Verabreichung von Ghee ist,
dass die Ablagerungen,
die tief im Körper sitzen,
durch das klebrig ölige Ghee
gelöst werden.
Die Schmiere in dem Ghee bindet
die porösen Stoffwechselgifte.
Ayurveda kennt fünf Arten,
den Körper zu reinigen.
Der Fachbegriff lautet Panchakarma.
Die fünf Hauptbehandlungen sind:
Abführen,
Einläufe, Aderlass, Erbrechen
und Nasenreinigung.
Hinzukommen intensive
lokale Ölbehandlungen.
Dr. Srivastava vergleicht das
mit einer Maschinenwäsche.
Die Waschmaschine dreht sich,
holt den Schmutz aus der Kleidung

mit warmem Wasser und Seife
und leitet anschließend

das schmutzige Wasser aus.
Dem vergleichbar geben wir den

Patienten Öle und Fette zu trinken.
Das Öl löst alle Giftstoffe

im Körper.
Dadurch werden alle Organe

gereinigt und sind wie neu,
die Leber, die Lunge,
die Nieren, der Darm, das Gewebe,
jede Zelle, jedes Organ,

jedes Gefäß wird wieder sauber.
Die Medizin-Manufaktur
der Banaras Hindu Universität.
Hier werden die Medikamente
für die Patienten hergestellt.
Einige nach 3.000 Jahre alten
Rezepturen.
Amrit und Vinay
haben in vedischen Schriften
eine Wirkstoffkombination gefunden,
die Arunas Arthritis heilen soll.
Ich habe in dem klassischen Text
“Dhanvantari Nighantu”
Hinweise auf die Kombination
der Medikamente Guduchi und Shunti,
also Ingwer-Pulver, gefunden.
Dort steht:
Bei der Behandlung
von entzündeten Gelenken
hilft Guduchi in Verbindung
mit Shunti am besten.
Während sich Studienkollege Viney
um die Herstellung des
Immunstimulators Guduchi kümmert,
stellt Amrit Shunthi
aus getrocknetem Ingwer her.
Shunti ist eins
der besten Heilmittel, vor allem
wegen der entzündungshemmenden
Eigenschaften.
Ob die Kombination wirkt
und Arunas Arthritis heilt,
wird Amrit im Rahmen
seiner Doktorarbeit untersuchen.
Vom Guduchi-Sirup nehmen Sie
morgens und abends vier Löffel
und trinken dazu
ein halbes Glass Wasser.
Und vom Ingwerpulver
nehmen Sie einen halben Löffel
zusammen mit einem
ganzen Glas Wasser.
Kann ich es zusammenmischen?
-Das geht.
Sie können auch einen halben
Löffel Pulver in den Sirup mischen.
Dann sehen wir uns
im Behandlungszimmer.
Ja, vielen Dank.
Bis gleich.
Im Männertrakt:
Nachdem Vijay über mehrere Tage
hinweg Ghee getrunken hat,
erhält er eine Ganzkörpermassage.
Es geht dabei nicht darum,
einzelne Muskeln zu lockern,
sondern das Kräuteröl gleichmäßig
in die Haut zu streichen.
Die Ölmassage ist wichtig.
So wird das Ghee, das der Patient
geschluckt hat, im Körper verteilt.
Das geht am besten
durch eine Massage,
denn die regt die Blutzirkulation
an und öffnet sämtliche Kanäle.
Nebenan heizt
die Schwitzkammer auf.
Sobald Vijays Körper vollständig
mit Öl eingestrichen ist,
geht’s in das
50 Grad heiße Dampfbad.
Die heiße Luft
soll Vijays Stoffwechsel ankurbeln
und zur Entgiftung anregen.
Wie geht es Ihnen?
Alles gut so weit.
Beschwerden?
-Nein.
Dann beginnt morgen
die Virechana-Behandlung.
Sinn und Zweck
der Wärmebehandlung ist:
Das Ghee, an das sich die
Stoffwechselgifte geheftet haben,
muss von den äußeren und tiefer
gelegenen Schichten des Körpers
in den Magen-Darm-Trakt gelangen.
Mit Hilfe von Erbrechen
und Abführmitteln
wird alles aus dem Körper geleitet.
Die Wärme unterstützt dabei
den Stoffwechsel.
Das ist nun mein dritter Tag.
Im Vergleich zum Anfang

fühle ich mich viel besser.
Ich kann locker

in die Hocke gehen und aufstehen.
Die Behandlung

bringt wirklich etwas.
Auch Aruna erhält heute eine
der fünf Panchakarma-Behandlungen:
den ayurvedischen
Kräuteröl-Einlauf.
Amrit mischt Salz in den Sud.
Die Kristalle sorgen dafür,
dass die Substanz
über Nacht im Darm verbleibt.
Die Sandal-Vaadi-Ölmischung
dient dazu,
das Grundfeuer Agni
im Körper wieder zu entfachen.
Die Ursache für die Arthrose ist
ja ein schwaches Verdauungsfeuer,
das ein Entstehen
von Stoffwechselgiften begünstigt,
die sich im Körper anreichern.
Um diese Giftstoffe zu beseitigen,
brauchen wir einen wirklich
starken Wirkstoff: Kuh-Urin!
Die ayurvedische Heilkunde
nutzt sämtliche Ausscheidungen
der als heilig verehrten Kuh
zur Medizinherstellung.
Varanasis Altstadt zieht nicht nur
Touristen und Pilger an.
Auch Einheimische und Studenten
treffen sich in den engen Gassen,
um miteinander die freien
Abendstunden zu genießen.
Höhepunkt jeden Ausflugs
ist ein Besuch des Main Ghats,
wo Pilger sich am Ufer des Ganges
von ihren Sünden reinwaschen.
Wie alle gläubigen Hindus
kaufen auch Amrit und seine Freunde
schwimmende Kerzen,
bevor sie an der allabendlichen
Gebetszeremonie teilnehmen.
Gesang
Bei Studenten besonders beliebt
ist das sogenannte Assi Ghat.
Es zählt zu den fünf ältesten und
bedeutendsten Ghats von Varanasi.
Hyderabad,
Hauptstadt des zentralindischen
Bundestaates Telangana
und Heimatstadt des Raju-Clans.
rhythmische Instrumentalmusik
Am nördlichen Stadtrand
von Hyderabad
leben die Vaidyas der Familie Raju.
Die drei erwachsenen Kinder
von Dr. Raju sind dabei,
eine kleine Privatklinik
aufzubauen.
Hier wollen sie gut situierte
Inder und Europäer behandeln,
die unter Zivilisations-
Krankheiten leiden,
die Ayurveda heilen kann.
In vier Wochen ist Eröffnung.
Bis dahin ist viel zu tun.
In Mutters Küche:
Aditya und Pavani
wollen ihre Patienten
auch mit heilend wirkenden
ayurvedischen Speisen behandeln.
Die ayurvedische Küche
ist rein vegetarisch.
Sehr wichtig ist die Kombination
vieler Obst- und Gemüsesorten.
Die Tradition sieht eine Balance
und Abwechslung

der Gemüsesorten vor,
um Problemen vorzubeugen.
Das Hauptziel von Ayurveda

lautet Vorbeugung.
Innerhalb einer Woche sollen

verschiedene Gemüsesorten rotieren,
um den Körper ausreichend

mit Nährstoffen zu versorgen.
Im Wesentlichen gilt die Küche

als Hauptquelle von Ayurveda.
Auf der ganzen Welt
unterrichtet Dr. Raju
Mediziner
in ayurvedischer Heilkunde.
Doch am liebsten seine Enkelkinder
Anjania und Jayram.
Ab dem Alter von drei Jahren werden
sie an die Heilkunde herangeführt.
Wie nennt man das?
Molokai.

-Molokai!
Und das hier?
-Koriander.
Und was macht Molokai?

-Molokai gibt Kraft und Energie.
Wie nennt man dieses Gemüse?
Bittergurke.
Sieht wie Krokodilhaut aus, nicht?
So sieht Krokodilhaut aus?
Das ist sehr gut
für die Gesundheit, aber bitter.
Reib mal und dann riech daran!
Schöner Duft.

Du kannst auch mal riechen.
Ja, das riecht gut.
Und es hilft gut bei Diabetes!
Und innen drin ist es weiß.
Und wozu ist das gut?
Dosokai ist gut für die Verdauung
und den Stuhlgang.
Dosokai sieht aus wie ein Ball
und man muss damit

schnell zur Toilette.
Kennst du die Geschichte
von Knoblauch?
Der entstand aus einem
einzigen Tropfen der Götter.
Ein Dämon namens Rahu
hatte diesen Tropfen geschluckt.
Und weißt du, was dann
in seinem Körper passiert ist?
Der Tropfen ist ihm im Hals stecken
geblieben und hat ihn zerstört.
Dann ist der Tropfen
auf die Erde gefallen
und daraus entstand der Knoblauch.
Deshalb hat Knoblauch
die Form eines Tropfens.
Jayram, riech mal! Wie ist es?
-Sehr stark.
Knoblauch ist sehr gut
gegen Fieber, Erkältung, Husten.
Er hilft eigentlich
bei allen Krankheiten.
Es ist wirklich die beste Medizin.
Die Bittergurke zählt
zu den wirkungsvollsten Gemüsen
in der ayurvedischen Küche.
Aufgrund ihrer
insulinähnlichen Peptide
dient sie als Heilnahrung
bei Diabetes.
Beliebt in der indischen Küche
sind frittierte Bittergurken
gefüllt mit Rohrzucker
und Kokosflocken.
Diabetes-Patienten müssen jedoch
auf die Süßmittel verzichten.
Bei jedem ayurvedischen Gericht
werden zuerst
Gewürze und Kräuter angebraten.
Für das Monakai-Gericht
mischt Aditya
Senfsamen mit Curry-Blättern,
zerstoßenem Knoblauch
und viel Kreuzkümmel-Pulver.
Darüber kommt das Gemüse
und eine Prise Kokosflocken.
Insbesondere Kreuzkümmel
hat viele gute Eigenschaften.
Er wirkt als Antioxidant
und freier Radikalefänger,
ist ein guter Appetitanreger
und nicht nur das.
Er macht das Essen bekömmlich,
dass man es gut verdauen kann.
Bei dieser Frucht handelt es sich
um eine unreife Mango.
Die Mango – bevor sie reif ist –
gilt als Königsfrucht.
Sie hat verjüngende
und aphrodisierende Eigenschaften.
Und sie erfüllt
alle sechs Geschmacksrichtungen:
Süß und sauer, salzig und scharf,
herb und bitter.
Wenn die alle beim Essen vorkommen,
dann wirkt Essen wie eine Medizin.
Während das Essen gart,
übt Dr. Raju mit seinen Enkeln
die Pulsdiagnose
und die Rezitation
vedischer Verse und Lieder.
Jayram rezitiert.
Bei der Pulsdiagnose misst jeder
Finger ein spezifisches Dosha.
Anjana, setz dich mal hierher.
Bei Kapha bewegt sich der Puls wie?
Wie ein Schwan. Mit dem Ringfinger
hier untersucht man Kapha.
Und? Wie fühlt sich der Puls an?
Na, was fühlst du?
Wie ein Schwan, nicht wahr?
Sanfte, weiche Bewegungen
macht der Puls,
wie ein Schwan, ganz sanft.
Ja, sehr gut.
Und jetzt zeigt mir mal
euren Zeigefinger.
Dieser Finger bestimmt Vata,
sein Puls schlängelt
und windet sich wie eine Schlange.
Und was fühlt der Mittelfinger?
Pitta. Genau!
Wie fühlt er sich an?
-Frosch.
Wie ein Frosch, sehr gut.
Wie macht ein Frosch?
Ja, genau. Sehr gut.
Sie zeigen schon so viel Interesse,
dass wir ihre späteren
Fähigkeiten erkennen können.
Wir sehen, dass aus ihnen
mal Vaidyas werden.
Sie können bereits
gewisse Zusammenhänge erklären.
Wenn sie dazu
mit drei in der Lage sind,
was kann ich erwarten,
wenn sie erwachsen sind?
Dr. Raju ist beruhigt.
In seiner Familie wird die
Heilertradition nicht aussterben.
Vijay erhält jetzt seine
wichtigste Ayurveda-Massage,
Udvarthan genannt.
Das Pulvergemisch namens Triphala
soll die Fette
samt den Stoffwechselgiften
von den Zellen lösen.
Nach ayurvedischer Lehre
werden die freigesetzten Fette
über die Blutbahn abtransportiert.
Bei den sieben
Udvarthan-Behandlungen soll Vijay
drei bis vier Kilo
an Fettmasse verlieren.
Diese Behandlung ist gerade
bei übergewichtigen
Diabetes-Patienten wirkungsvoll,
da sie das überschüssige Fett
aus dem Körper rausschrubbt.
Wie man das Fett herausholt,
schwindet die Insulinresistenz.
Denn die Glukose-Rezeptoren
können wieder arbeiten.
Die Udvarthan-Massage
greift allerdings nur,
wenn es Vijay gelingt,
sich gesünder zu ernähren
und Nein zu Süßigkeiten zu sagen.
Aruna wird heute nach 15 Tagen
Ayurveda-Behandlung entlassen.
Dafür hat sie umgerechnet
12 Euro bezahlt.
Hallo, Tantchen!

Wie geht es Ihnen?
Ah, Sie sind schon da!
Ich wollte vorbeikommen,

ehe Sie entlassen werden.
Ich fühle mich schon viel besser.
Sieht gut aus.

Machen Sie mal eine Faust.
Sind die Versteifungen,
die Sie morgens hatten, noch da?
Sie sind viel weniger geworden.
Das ist eine gute Nachricht.
Haben Sie die Übungen gemacht?
Ja, nach den Behandlungen
mit den Glühbirnen
habe ich es gemacht.
Das ist gut. Aber meiden Sie
künftig alles Kalte,
sonst wird es sich
wieder verschlimmern. OK?
Ja, OK.
Alles Gute,

und passen Sie auf sich auf!
In den nächsten Tagen wird Amrit
bei Aruna zuhause vorbeischauen,
um sie im Rahmen seiner
Doktorarbeit weiter zu betreuen.
Vijay ist jetzt seit einer Woche
auf der Ayurvedastation.
Heute fühlt er sich hundeelend.
Wo tut’s denn weh?
Im Magen dreht es sich.

Das verursacht Schmerzen.
Ist der Magen aufgebläht?
Ja, fühlt sich so an.
Er ist auch sehr hart.
Tut es weh, wenn ich drücke?
Ein wenig.
OK, heute essen Sie
erst mal nichts.
Sie trinken nur regelmäßig
warmes Wasser.
Das wirkt auch
gegen die Gasbildung.
Vijays Magenbeschwerden sind
im Rahmen der Therapie normal.
Eine unangenehme Begleiterscheinung
beim Entgiftungsprozess.
Noch einmal heißt es,
Blutzuckerspiegel messen.
Der lag zu Beginn der Therapie
bei 270.
Ob die Therapie
inzwischen anschlägt?
Was? 200?

-Ja. 200.
Obwohl Vijay
seine Medikamente abgesetzt hat,
ist in den letzten sieben Tagen
sein Blutzuckerspiegel gesunken.
Dank der Ayurveda-Behandlungen
von 270 auf 200.
Damit der Wert noch weiter fällt,
muss Vijay eisern bleiben.
Ich werde künftig

auf meine Ernährung achten.
Vor allem auf die Süßigkeiten,

darauf werde ich verzichten.
Dabei liebe ich die Süßspeisen

bei Hochzeiten.
Das wird es für mich

nicht mehr geben.
Bei konsequenter Lebensführung
wird sich Vijays Diabetes
ganz zurückbilden.
Dass unser System auch heilt,
das belegen seit Jahrtausenden

die Schicksale von Patienten,
die mit Hilfe von Ayurveda

ihre Krankheiten besiegen.
Zur ganzheitlichen
Lebensphilosophie von Ayurveda
gehört regelmäßige Bewegung.
Vijay verlässt mit guten Vorsätzen
das Krankenhaus.
Amrit hat heute noch einen Termin
außerhalb des Krankenhauses.
Er möchte seine Patientin Aruna
zuhause besuchen und nachsehen,
wie es um ihre Arthritis steht.
Tantchen?
Oh, Sie sind gekommen.
Das ist aber schön.
Wie geht es Ihnen denn jetzt?
-Richtig gut.
Kommen Sie rein. Ich freu mich so,
dass Sie gekommen sind.
Setzen Sie sich.
Ich habe Ihnen
die Medikamente mitgebracht.
Wie fühlen Sie sich?
Spüren Sie noch die Nachwirkung
der Behandlungen im Krankenhaus?
Oh ja, ich bin jetzt wieder
viel aktiver.
Dinge, die ich nicht mehr konnte,
kriege ich hin.
Wie Tee zubereiten
oder Essen kochen.
Das alles
kann ich wieder erledigen.
Und ich achte darauf, mich an
alle Ihre Vorgaben zu halten.
Seit sie aus dem Krankenhaus

zurück ist,
steht es viel besser um sie.
Man sieht es

am strahlenden Gesicht.
Schauen Sie mal, so aktiv,
wie ich mich damals gefühlt habe,
so jung fühle ich mich jetzt auch.
Darüber bin ich sehr glücklich.
Wieder so schön sein wie früher,
dieser Traum wird sich auch mit
Ayurveda nicht erfüllen lassen.
Aber frei von Schmerzen zu sein
und den Haushalt allein zu führen,
dieser Wunsch ist für Aruna
zum Greifen nah.

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